Nachhaltig wirtschaften – und trotzdem genug ernten?
Der Wind wirbelt Staub über die Felder. Viel Gelb und Braun: vertrocknete Maisreihen, welke Blätter, steinharte, rissige Böden. An diesem Spätsommertag sieht man auf den ersten Blick, was Trockenheit in der Landwirtschaft anrichtet.
Zu viel Hitze, zu wenig Regen – das hat auch auf den zwei Hektar, die Pascal Baron bei Rohrbach in der Südpfalz bewirtschaftet, Spuren hinterlassen. Bei Radieschen, Karotten, Blumenkohl und Brokkoli hat er in diesem Sommer irgendwann aufgegeben. Von den Tomaten hat er nur etwa halb so viel wie sonst geerntet. Auch das Wasser aus dem eigenen Brunnen hat nicht mehr für alles gereicht.
Hühnerhaltung und bunter Pflanzenmix
Baron schaut über seine Felder, wo die Salatköpfe in langen Reihen stehen, daneben wachsen Kartoffeln, dazwischen ein Streifen Mais. Unter Folientunneln stehen Tomaten und Auberginen. Auf einer umzäunten Fläche pickt und scharrt lebhaft eine große Herde brauner Hühner.
Ein schwieriges Jahr sei es gewesen, sagt der Landwirt. Er sei aber vergleichsweise glimpflich davongekommen. Er hebt das schwarze Mulchgewebe an, das einen Teil der Beete bedeckt. Darunter ist die Erde dunkel. Das Gewebe hat die Verdunstung deutlich vermindert, das habe ihm bei der Bewässerung sehr geholfen.
Boden wie ein Schwamm
Was Baron eigentlich zeigen will, liegt ein Stück tiefer. Er gräbt mit der Hand in die Erde. Sie gibt locker nach, 30, 40 Zentimeter. „Dort, wo wir den Boden seit ein paar Jahren bewirtschaften, kann er viel mehr Wasser speichern“, sagt Baron. Er erzählt von einem heftigen Starkregen. Die umliegenden Felder hätten teilweise zwei oder drei Tage unter Wasser gestanden. Er hingegen habe schon kurze Zeit nach dem Regenguss auf seinen Beeten wieder arbeiten können. „Mein Boden ist wie ein Schwamm.“
Vom IT-Job aufs Feld
Barons Fläche mit ihren vielfältigen Kulturen sticht in der Gegend mit ihren Rüben- und Maismonokulturen heraus. Noch vor einigen Jahren arbeitete der heute 53-Jährige am Schreibtisch, in der IT-Branche. In einer beruflichen Auszeit stieß er auf das Thema regenerative Landwirtschaft. „Wie können wir uns gesund ernähren? Was kann man gegen den Klimawandel machen, wie kann CO₂-gespeichert werden? Diese Dinge haben mich angetrieben“, erzählt er.
Baron packt Dinge gerne an. Kurzentschlossen kaufte er zwei Hektar Land in seiner alten Heimat. Zehn Hühner, ein paar Beete. „Ich dachte: Probier’s halt einfach aus.“ Das war vor rund sieben Jahren. Heute ernährt der Betrieb die Familie. Unter dem Label Weidevogel vermarktet Baron sein Gemüse sowie Eier und Fleisch von seinen Hühnern. Und das ziemlich erfolgreich: Auf Wochenmärkten stehen Menschen für seine Ware Schlange.
Vorbild natürliches Ökosystem
Aufmerksam auf Barons Projekt wurde auch Julius Reiff. Der Umweltwissenschaftler hat für seine Dissertation erforscht, was Permakultur für Boden und Artenvielfalt bedeutet. Weidevogel wurde einer von mehreren Betrieben, deren Flächen er untersuchte.
„Im Kern geht es bei Permakultur darum, Agarökosysteme nach dem Abbild natürlicher Ökosysteme zu schaffen – mit deren Vielfalt, Interaktionen, Komplexität und Widerstandsfähigkeit“, erklärt Reiff. Bei dieser Art der Landwirtschaft spielen die unterschiedlichen Elemente zusammen: Pflanzen bedecken den Boden, Tiere liefern Dünger, Pflanzenreste zusätzliche Nährstoffe. Möglichst viel bleibt im Kreislauf – eben wie in einer intakten Natur. Die Idee dahinter ist, nicht auf Kosten natürlicher Ressourcen zu produzieren, sondern die natürlichen Grundlagen zu erhalten.
Deutliche Unterschiede zu Vergleichsflächen
Für ihre Studie nahmen Reiff und weitere Forschende von der RPTU und der BOKU University in Wien neun Permakulturstandorte in Deutschland und Luxemburg unter die Lupe: Sie sammelten Bodenproben, maßen den Gehalt an Kohlenstoff und Nährstoffen, zählten Regenwürmer, Pflanzen und Vögel. Die Ergebnisse verglich das Team mit benachbarten Flächen, die jeweils ortsüblich bewirtschaftet wurden.
„Auf den Permakulturflächen lagen die Kohlenstoffvorräte im Boden im Mittel 27 Prozent höher als auf den Vergleichsflächen“, berichtet Reiff. „Der Boden war 20 Prozent weniger dicht. Es gab eine deutlich tiefere humusreiche Oberbodenschicht und mehr Mikroorganismen. Auch die Artenvielfalt war höher: Die Forschenden fanden deutlich mehr Pflanzen-, Regenwurm- und Vogelarten als auf den Vergleichsflächen.Das bedeute auch mehr Lebensraum für Tiere, die Schädlinge fressen. „Diese natürliche Schädlingskontrolle kann kann ein Grund dafür sein, dass die Betriebe ohne synthetische Pflanzenschutzmittel auskommen.“
Typisch Permakultur: Düngen mit Kompost
Besonders den Kohlenstoffgehalt im Boden nennt der Umweltwissenschaftler als wichtigen Faktor. Kohlenstoff steckt in organischem Material wie Pflanzenresten oder Mist. Regenwürmer und Mikroorganismen wandeln dieses Material um und tragen zur Humusbildung und zum Nährstoffkreislauf bei. Humus kann Nährstoffe und Wasser hervorragend speichern – eben wie ein Schwamm – und bietet Lebensraum für viele Bodenorganismen.
„Ein wichtiges Merkmal von Permakultursystemen ist daher, dass nicht vorrangig in Form einzelner Nährstoffe gedüngt wird, sondern vor allem mit organischem Material, das reich an Kohlenstoff ist – etwa Pflanzenreste, Tiermist oder Kompost“, so Reiff.
Der Mist liefert Nährstoffe
Bei Baron sieht das so aus: Er mischt Hühnermist mit Leinstroh und lässt das Material mehrere Monate kompostieren. Dann verteilt er den Kompost auf seinen Gemüsebeeten. „Bei reiner Tierhaltung müsste ich den Mist entsorgen, hier liefert er mir Nährstoffe für das Gemüse“ – ein Kreislauf. Die Wurzeln abgeernteter Pflanzen bleiben im Beet. Gleichzeitig versucht Baron, den Boden möglichst wenig zu stören und zu verdichten.
Zusätzlichen Dünger habe er schon lange nicht mehr gebraucht. „Der Hühnermist macht auch bei der Qualität der Produkte einen Unterschied, zum Beispiel beim Salat. Aussehen, Festigkeit, Geschmack und Haltbarkeit sind viel besser geworden. Das sagen auch die Kunden“, berichtet er.
„Die höhere Bodennährstoffgehalt, die wir gemessen haben, lassen vermuten, dass die Nährstoffe auch in den Pflanzen höher sind“, ergänzt Julius Reiff – die produzierten Feldfrüchte könnten wohl also auch gesünder sein.
Nischenthema oder flächendeckend als Alternative?
„Permakultur scheint eine sehr viel nachhaltigere Alternative zu industrieller Landwirtschaft zu sein“, ist Reiff sicher. Aber ist sie auch im Großen denkbar? Die Forschenden um Reiff haben die Erträge der von ihnen untersuchten Permakulturflächen mit Durchschnittserträgen der deutschen Landwirtschaft verglichen: Dabei konnte kein signifikanter Unterschied in der Flächenproduktivität festgestellt werden. „Daraus lässt sich ableiten, dass die Flächenproduktivität von Permakultur mit der vorherrschenden, industriellen Landwirtschaft vergleichbar ist. Aus unserer Sicht spricht deshalb nichts Grundsätzliches dagegen, Permakultur auch in größerem Maßstab zu betreiben. Dafür gibt es in anderen Ländern auch schon erfolgreiche Beispiele.“ Angesichts Artensterben und häufigerer Trockenheit sieht er damit großes Potenzial für eine zukunftsfähige Landwirtschaft.
Nötig ist dazu seiner Einschätzung nach, die Bewirtschaftung an unterschiedliche Standorte und Betriebe anzupassen – ganz im Sinne der Permakultur, bei der kontextspezifische Planung ein grundlegendes Prinzip ist. „Wir brauchen außerdem passende Konzepte für Ausbildung und Finanzierung sowie größere Modellprojekte.“
Betrieb muss nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch funktionieren
„Ich könnte deutlich mehr Gemüse verkaufen, als ich derzeit produziere“, sagt Baron. Die Grenzen liegen für ihn nicht in der Bewirtschaftungsweise, sondern vor allem in der jetzigen Infrastruktur vor Ort – Wasser, Strom, Aufenthaltsraum, Toiletten. „Und natürlich brauche ich Leute, die wissen, was wann gepflanzt, gepflegt und geerntet werden muss.“
„Das ist ein wirtschaftlicher Betrieb, kein Privatgarten“, das betont Baron, der für sein Projekt selbst übrigens nicht von Permakultur, sondern lieber von regenerativer Landwirtschaft spricht. „Ich kann nur etwas verändern, wenn es sich lohnt und im Arbeitsalltag funktioniert. Letztendlich muss das Gemüse effizient angebaut, geerntet, sortiert, transportiert und verkauft werden.“ Das geht aus seiner Sicht nicht ohne Kompromisse. „Aber wenn es unterm Strich klappt,Gutes für die Umwelt tun, Lebensmittel produzieren, die den Menschen schmecken und damit Geld verdienen, dann ist es eine gute Sache.“
Reiff, J., Jungkunst, H. F., Antes, N., & Entling, M. H. (2025). Crop productivity of Central European Permaculture is within the range of organic and conventional agriculture. Peer Community Journal, 5.
Reiff, J., Jungkunst, H. F., Mauser, K. M., Kampel, S., Regending, S., Rösch, V., … & Entling, M. H. (2024). Permaculture enhances carbon stocks, soil quality and biodiversity in Central Europe. Communications Earth & Environment, 5(1), 305. DOI: 10.1038/s43247-024-01405-8
Krebs, J., & Bach, S. (2018). Permaculture—Scientific Evidence of Principles for the Agroecological Design of Farming Systems. Sustainability, 10(9), 3218.
Bericht "Erfolg mit Permakultur – Pfälzer Bauern Start-Up setzt auf Nachhaltigkeit" vom 05.09.2024 auf Deutschlandfunk
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