Warum künstlerischer Protest immer auch Einordnung braucht
Berlin im Sommer 2025: Alice Weidel tritt zum ARD-Interview unter freiem Himmel an. Die Gruppe „Zentrum für Politische Schönheit" gibt dem TV-Moment – im wahrsten Sinne des Wortes – eine unerwartete Note: In unmittelbarer Nähe des Interview-Ortes am Berliner Spree-Ufer lässt das Künstlerkollektiv laute Musik ertönen. Ein Gespräch zwischen Journalist und Politikerin wird dadurch so gut wie unmöglich. Kein einmaliges Ereignis: Bereits seit Jahren betreibt das Kunstkollektiv Aktionen gegen die AfD. So wurde etwa eine Nachbildung des Berliner Holocaust-Mahnmals in der Nachbarschaft des Wohnhauses von AfD-Politiker Björn Höcke errichtet.
Kunst als Mittel des Protests wird nicht selten genutzt, um auf gesellschaftliche Probleme und Missstände aufmerksam zu machen: etwa auf den Klimawandel und seine Folgen. Als Missbilligung des „tödlichen fossilen Kurses der Bundesregierung“, wie die Gruppe „Letzte Generation“ es seinerzeit bezeichnete, haben sich 2022 beispielsweise zwei Mitglieder der Gruppe an ein Gemälde im Städel Museum in Frankfurt am Main geklebt. Andernorts wiederum wurde ein Kunstwerk mit Kartoffelbrei beworfen.
Wie wird künstlerischer Protest bewertet?
Aber was bewirken diese Formen von Protest? Können sie Veränderungen anstoßen? Wie kommen solche Aktionen in der Bevölkerung an? Genau das will Berend Barkela genauer wissen: Im Rahmen seiner Forschung untersucht er, welchen Einfluss künstlerischer Protest auf die moralische Bewertung von Protestierenden und ihr Anliegen hat. Denn Kunst kann die Wahrnehmung verändern, erklärt Barkela: „Wenn man nachts auf der Straße auf eine dunkel gekleidete Person mit Messer trifft, dann rennt man mutmaßlich davon – man hat Angst. Hängt dieselbe Szene im Museum in einem Rahmen an der Wand, bleibt man stehen, ist neugierig, sieht sich alles ganz genau an und denkt darüber nach.“ Kunst eröffnet Räume, in denen sich Menschen positiver mit negativen Dingen beschäftigen. Und Kunst habe eine gewisse Freiheit zu provozieren, ergänzt Barkela. Die Kunstfreiheit gelte als hohes gesellschaftliches Gut. So sei Kunst immer auch eine Möglichkeit, Gesellschaft und Machtverhältnisse zu kritisieren.
Norm verletzender Protest: als Kunst legitim?
Als Wissenschaftler will Berend Barkela wissen, ob sich die Einstellung zu disruptivem Protest – also zu Norm verletzendem Protest – verändert, wenn der Protest mit einer Kunstaktion verbunden ist: Im Rahmen von zwei Studien hat er sich dem Thema genähert. An der ersten Studie nahmen insgesamt 900 Personen teil. Ihnen wurden fiktive Medienberichte zu verschiedenen Protest-Aktionen vorgestellt. Anschließend wurden sie dazu befragt. „In der Studie haben wir insgesamt sechs verschiedene Formen des Protests präsentiert“, differenziert es Berend Barkela, „es wurde ein künstlerischer Protest mit einem nicht-künstlerischen Protest verglichen“. Beides in jeweils unterschiedlichen Formen: friedlich mit zivilem Ungehorsam einhergehend und gewalttätig.
Der nicht-künstlerische Protest bestand aus einer Sitzblockade im Regierungsviertel. Eine Sprecherin forderte von der Bundesregierung mehr Klimaschutz, um das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten. Nur so ließen sich Artensterben, Dürren und Hungersnöte verhindern.
Der künstlerische Protest bestand ebenfalls aus einer Sitzblockade im Regierungsviertel – beinhaltete gleichzeitig eine Performance: Einige der Protestierenden stellten vom Aussterben bedrohte Tierarten dar, die im Laufe der künstlerischen Aktion tot umfielen. Eine Sprecherin erklärte auch hier, dass so auf die Gefahr eines Artensterbens durch den Klimawandel hingewiesen werde.
Im Rahmen der ersten Eskalationsstufe „ziviler Ungehorsam“ fanden bei beiden Protestformen – also sowohl beim nicht-künstlerischen als auch beim künstlerischen Protest – zusätzlich Straßenblockaden statt. Bei der weiteren Eskalationsstufe „gewalttätig“ – neben Straßenblockaden – bei beiden Protestformen zusätzlich Angriffe auf Autos.
„Menschen werden durch Kunst in einen positiven Grundzustand versetzt. Und dieser wiederum ermöglicht, anders über Dinge nachzudenken. Die entscheidende Frage ist dann, wie man damit umgeht.“
Berend Barkela
Die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer wurden anschließend befragt, als wie unmoralisch sie das Verhalten der Protestierenden einstufen. Die Ergebnisse: Disruption, also Protest, der nicht völlig friedlich ist, wird als unmoralisch wahrgenommen und führt zu weniger Unterstützung – und das sowohl bei dem künstlerischen als auch bei dem nicht-künstlerischen Protest. Berend Barkela erklärt: „Bei friedlichem Protest werden künstlerische Aktionen sogar ganz leicht eher unmoralischer wahrgenommen als nicht-künstlerische Aktionen.“ Der Grund? Möglicherweise sehen Probandinnen und Probanden die Kunst als zu sehr instrumentalisiert.
Und: Die Protestierenden werden eventuell gar nicht als Künstlerinnen und Künstler anerkannt. „Um das auszuschließen, wurde genau dieser Faktor in der zweiten Studie überbetont“, wie Berend Barkela erklärt: Insgesamt 1.200 Personen nahmen an dieser Untersuchung teil, die vom Prinzip her ähnlich aufgebaut war: Allerdings wurde in den Medienberichten, die den Probanden vorgelegt wurden, äußerst deutlich betont, dass die Künstlerisch-Protestierenden mit ihrer Performance tatsächlich Kunst geschaffen haben. Zum Beispiel wurde erklärt, dass die Aktivistinnen und Aktivisten eine bekannte Künstlergruppe seien, die auch schon in bekannten Museen ausgestellt hat. Und in einem der Medienberichte wurde ein Kunstwissenschaftler zitiert, der die Aktion als künstlerische Performance bezeichnete. Trotzdem seien die Ergebnisse auch in diesem Fall eher durchwachsen gewesen, sagt Berend Barkela. „Es gibt Hinweise darauf, dass künstlerischer Protest unter bestimmten Bedingungen als weniger unmoralisch wahrgenommen wird.“ Aber starke, bedeutsame Unterschiede gebe es nicht.
Wie künstlerischer Protest wirkt
Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus den Studien ziehen? „Ganz allgemein gesagt: Egal wie gestaltet, je gewalttätiger ein Protest, umso negativer wird er wahrgenommen.“ Und – auch das schlussfolgert Berend Barkela aus seinen Untersuchungen – ob Kunst als Protestform wirkt, hänge stark auch von der jeweiligen Zielgruppe ab: „Je weniger jemand die politischen Positionen der Gruppe teilt, umso stärker ist auch die negative Wahrnehmung ausgeprägt.“ Zum Beispiel: Menschen aus dem konservativen Lager nehmen disruptiven Klima-Protest bereits in einer früheren Eskalationsstufe als negativ wahr.
Protestierende können dem Anliegen schaden
Was bedeutet all das für Kunst als Protestform? „Auch andere Untersuchungen zeigen, dass radikale, gewaltbereite Proteste dem eigentlichen Thema abträglich sind.“ Die Bewegung „Fridays for Future“ beispielsweise habe eine hohe Bereitschaft in der Bevölkerung aufgebaut, mehr für das Klima zu tun. „Sie haben nicht alle ihre Forderungen durchgesetzt. Aber sie wurden als legitime soziale Bewegung wahrgenommen und durchaus positiv in den Medien dargestellt.“ Genau dieses auch positive Image hatte unter gewaltbereiten Klima-Protestierenden zu leiden. „Wenngleich es nicht ausgeschlossen werden kann, dass Aktivisten dennoch auf diese Weise ihre Ziele erreichen. Denn das Thema erhält dennoch Aufmerksamkeit und landet so oder so auf der politischen Agenda.“
Aufmerksamkeit erhalten – auf der politischen Agenda landen: Aus wissenschaftlicher Sicht seien verschiedene Faktoren entscheidend, die Aktivistinnen und Aktivisten Aufmerksamkeit, also auch mediale Aufmerksamkeit, bescheren. Das sei zum einen das Erreichen einer bestimmten Größe. Wenn man also beispielsweise eine große Menge von Protestierenden auf die Straße bringt. Außerdem fördern symbolische Inszenierungen ein gewisses Interesse, etwa Sprechchöre, einheitliche Kleidung oder inszenierte Performances – insbesondere, wenn sie visuell attraktiv sind für Fernsehaufnahmen und Fotografien.
Kunst braucht Einordnung
Aber mal von Inszenierungen und lauten Protest-Aktionen abgesehen – kann man bereits allein mit dem Zeigen von Bildern etwas erreichen? Mit Bildern beispielsweise, die in einem Museum mitunter eine durchaus große Öffentlichkeit erreichen. Auch das will Berend Barkela im Rahmen seiner Forschung wissen: In einer weiteren Studie verglich er die Wirkung von zwei verschiedenen Abbildungsmöglichkeiten – ein dokumentarisches Foto und ein abstraktes Gemälde. Beide zeigen einen Waldbrand – thematisieren also Umweltproblematiken und die Klimakrise. Insgesamt 580 Probanden wurde das Waldbrand-Foto gezeigt – 575 Probanden das Kunstwerk. Anschließend wurden sie befragt, welche Emotionen die Abbildungen bei ihnen auslösen. Das Ergebnis: Im Vergleich zum Foto erhält das Gemälde höhere ästhetische Bewertungen, ruft positive Emotionen hervor. Es reduziert negative Emotionen.
Aber das Gemälde führt auch zu einer größeren Distanzierung. In diesem Fall zu einer größeren Distanzierung zum Klimawandel. Anders als man es vielleicht vermuten könnte, rüttelt es Menschen nicht unmittelbar wach – fördert nicht direkt das Engagement für Veränderungen.
Kunst jedoch könne eine Kausalkette in Gang setzen, ergänzt Barkela: „Menschen werden durch Kunst in einen positiven Grundzustand versetzt. Und dieser wiederum ermöglicht, anders über Dinge nachzudenken. Die entscheidende Frage ist dann, wie man damit umgeht.“ Genau hier sollten seiner Meinung nach Museumskuratoren und Kunstpädagogen ansetzen: „Es ist nicht sinnvoll, die Leute einfach durch ein Museum zu schleusen. Kunst sollte immer auch gut kuratiert und eingeordnet werden.“ Eine wichtige Erkenntnis für alle, die mithilfe von starken Bildern eine gesellschaftliche Veränderung anstoßen wollen.
NEUGIERIG GEWORDEN? HIER GIBT ES TIPPS FÜR WEITERFÜHRENDE LITERATUR:
Berend Barkela, Christina Schäfer & Marlene Sophie Altenmüller (2025): Artistic activism: Can aesthetic reception reduce adverse effects of disruptive protest? In: Psychology of Aesthetics, Creativity, and the Arts. Advance online publication.
Berend Barkela & Julia Ress (2025): Does Art Make a Difference? – An Experimental Investigation of Differential Perception and Processing in the Reception of Artistic and Non-Artistic Apocalyptic Climate Images. In: Empirical Studies of the Arts. Advance online publication.
Berend Barkela, Teresa Gil López & Christian A. Klöckner (2022): A License to Disrupt? Artistic Activism in Environmental Public Dissent and Protest. In: C. A. Klöckner & E. Löfström (Eds.), Disruptive Environmental Communication. Psychology and Our Planet (57–74), Springer.
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