Das unsichtbare Netz
Brüssel, Oktober 2025. In der EU-Vertretung Nordrhein-Westfalens treffen sich Forschende mit Politikerinnen und Politikern aus ganz Europa zu einem ungewöhnlichen Gipfel: dem Einsamkeitsforum. Sie diskutieren über soziale Isolation als wachsendes gesellschaftliches Problem und über ihre Folgen für Gesundheit, Demokratie und Zusammenhalt. Ein EU-weites Netzwerk soll Daten erheben, Lösungen finden.
Für die Soziologin Leonie Steckermeier ist das keine abstrakte Debatte. Während in Brüssel über Einsamkeit als gesellschaftliche Herausforderung gesprochen wird, bereitet sie einen Vortrag für die Volkshochschule vor. Auf der ersten Folie steht ein einfacher Satz: „Gute Freunde, gutes Leben.“
Steckermeier weiß aus ihrer Forschung, wie wichtig Freundschaften für die Lebensqualität sind. Dieses Wissen möchte sie teilen. Nicht nur auf wissenschaftlichen Konferenzen, sondern mit möglichst vielen Menschen. „Über Beziehungen sprechen wir oft erst, wenn etwas schiefläuft“, sagt sie. „Dabei sind sie so wichtig für unser Wohlbefinden.“
Qualität schlägt Quantität
Steckermeier will verstehen, was uns gesund und zufrieden macht. „Echte Freundschaften tragen einen großen Teil zu unserem Wohlbefinden bei“, sagt sie. „Wir brauchen Menschen mit ähnlichen Interessen, mit denen wir etwas unternehmen können. Wichtig ist, dass man zusammen lacht, schöne Dinge erlebt und dass es einfach Spaß macht, gemeinsam Zeit zu verbringen. Dabei geht es nicht nur darum, wie viele Freunde wir haben. Entscheidend ist die Qualität.“
Gerade in Zeiten sozialer Medien wirkt dieser Befund fast widersprüchlich. Noch nie war es so leicht, Kontakte zu sammeln und mit Hunderten Menschen gleichzeitig verbunden zu bleiben.
„Die Menge an Freunden in sozialen Netzwerken hat jedoch überhaupt keinen positiven Effekt auf das eigene Wohlbefinden.“
„Es ist völlig egal, ob man 500 Follower hat oder keinen", sagt Steckermeier.
Das gilt auch im realen Leben. Wer von vielen Menschen umgeben ist, kann trotzdem einsam sein. „Es ist durchaus möglich, lonely in a crowd – also einsam unter vielen – zu sein“, erklärt Steckermeier. „Auf der anderen Seite gibt es durchaus Menschen, die einen besten Freund haben und überhaupt nie einsam ist.“
Die Anzahl sagt also wenig über die Qualität unserer sozialen Beziehungen aus. Zusätzlich ist Freundschaft für die Forschung schwer greifbar. Anders als Familie oder Partnerschaft ist sie auch nicht geregelt. Es gibt keine Urkunde, keinen Vertrag und keine eindeutige Definition. Ob eine Beziehung als Freundschaft gilt, entscheiden die Beteiligten selbst.
Freundschaft in Zahlen
Steckermeier arbeitet mit großen Datensätzen und internationalen Umfragen. Sie untersucht, wie Freundschaften in unterschiedlichen Ländern verteilt sind, welche Gruppen besonders viele oder wenige Freunde haben und welche Rolle Freundschaft für die Lebenszufriedenheit spielt.
„In der Soziologie versuchen wir, die Gesellschaft möglichst vollständig abzubilden“, erklärt sie. „Alle Altersgruppen, verschiedene Bildungsniveaus, unterschiedliche Einkommen. Nur so können wir verstehen, welche Rolle Freundschaften in einer Gesellschaft spielen.“ Dafür nutzt Steckermeier unter anderem den European Values Survey. Die europaweite Studie untersucht seit den 1980er Jahren, welche Werte Menschen im Leben besonders hoch gewichten. Die Daten zeigen: Die Bedeutung von Freundschaft hängt auch davon ab, wo man lebt.
Ein Blick über die Grenzen
In Deutschland steht Freundschaft seit Jahrzehnten konstant auf Platz zwei, direkt hinter der Familie. Auch in Skandinavien bleibt ihre Bedeutung stabil hoch. In vielen osteuropäischen Ländern ist die Bedeutung von Freundschaft in den vergangenen Jahrzehnten sogar deutlich gestiegen. „Nach dem Ende der sozialistischen Systeme sind viele gewachsene Strukturen weggebrochen – Nachbarschaften, Betriebe und andere Kollektive, die früher soziale Bindung organisiert haben“, sagt Steckermeier. „Dadurch sind Freunde wichtiger geworden.“
Ein anderes Bild zeigt sich weiter südlich. In Frankreich und Italien rutscht Freundschaft in den Umfragen hinter die Arbeit. „Auf den ersten Blick wirkt das überraschend, weil das gesellschaftliche Leben in diesen Ländern als besonders lebhaft gilt“, erklärt Steckermeier. „Doch wirtschaftliche Unsicherheit verschiebt Prioritäten. Wenn die Lebensqualität insgesamt bedroht ist – zum Beispiel durch eine Wirtschaftskrise –, dann steigt die Bedeutung von Arbeit.“
Wenn Freundschaften wichtiger werden
Warum Freundschaft in Europa unterschiedlich bewertet wird, hat auch mit gesellschaftlichen Veränderungen zu tun. „Freundschaft spielte nicht immer die Rolle, die sie heute hat“, sagt Steckermeier. „Noch vor einigen Jahrzehnten organisierten sich soziale Bindungen oft fast von selbst: Man wuchs im Heimatort seiner Eltern auf, blieb ein Leben lang dort, heiratete, bekam Kinder und war eingebettet in Familie, Nachbarschaft und Arbeitsumfeld.“
Diese Strukturen haben sich verändert. Heute ziehen viele Menschen für Ausbildung, Studium oder Beruf in andere Städte, oft mehrfach. Familie und alte Netzwerke bleiben zurück. Gleichzeitig verschiebt sich die Familiengründung nach hinten. Dadurch entsteht zu Beginn des Erwachsenenlebens eine längere Phase, in der Freundschaften besonders wichtig sind.
Wenn Familien gegründet werden, sind sie zudem kleiner als früher. „Werden weniger Kinder geboren, gibt es automatisch weniger Verwandte", sagt Steckermeier. „Dann nimmt auch die Anzahl der Beziehungen zu Tanten, Onkeln oder Cousinen ab." Durch die steigende Lebenserwartung wird außerdem der Zeitraum nach dem Auszug der Kinder länger. Die Lücke, die Familie hinterlässt, füllen Freunde – aber nicht beliebig.
Gleich und gleich gesellt sich gern
Wer einen Blick in seinen Freundeskreis wirft, entdeckt schnell Muster. Oft sind Freunde ungefähr im gleichen Alter, haben ein ähnliches Bildungsniveau oder teilen dieselben Interessen. Die Soziologie nennt das Homophilie: das Prinzip, dass Menschen bevorzugt Beziehungen mit denjenigen eingehen, die ihnen ähnlich sind.
Freundschaften entstehen dort, wo Menschen regelmäßig Zeit miteinander verbringen. In der Schule, an der Uni, am Arbeitsplatz, im Sportverein. „Wir treffen Menschen an Orten, die wir bewusst gewählt haben", sagt Steckermeier. „Und wenn jemand ähnliche Interessen hat, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass daraus eine Freundschaft entsteht." Wer in einen Fußballverein geht, findet dort jemanden, der Fußball mag. Wer an der Uni jemanden kennenlernt, trifft jemanden mit ähnlichem Bildungsweg.
Manchmal entscheidet sogar der Zufall. Studien zeigen, dass Studierende, die in einer Einführungsveranstaltung nebeneinandersitzen, mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit später miteinander befreundet sind. „Freundschaften entstehen oft einfach dort, wo Menschen Zeit miteinander verbringen“, sagt Steckermeier. „Gleichzeitig haben sich die Gelegenheiten verändert, bei denen wir Leute kennenlernen. Früher gab es häufiger feste gesellschaftliche Anlässe – etwa Tanzveranstaltungen, zu denen im Dorf fast alle hingingen. Heute sind die Möglichkeiten vielfältiger: vom Sportverein über Brettspielrunden bis zu Coffee-Tastings oder Online-Games. Für fast jedes Interesse gibt es eigene Treffpunkte.“
Das mache es leichter, Gleichgesinnte zu finden, aber auch komplexer. „Wer neu in eine große Stadt zieht, hat zwar mehr Menschen zur Auswahl, doch oft haben diese zum Beispiel schon einen gefestigten Freundeskreis“, erklärt Steckermeier. „Noch dazu ist das Leben in der Stadt oft anonymer, man muss die passenden Leute also erst einmal finden.“ Gelingt das, prägen diese Beziehungen das Leben oft über Jahre. Ältere Menschen mit einem großen, gut vernetzten Freundeskreis leben nachweislich länger.
Das Netz, das bleibt
Wie wichtig Freunde sind, zeigt sich oft in schweren Momenten. „Studien belegen, dass eine schwere Krankheitsdiagnose Freundschaften häufig reaktiviert. Da steht der Freundeskreis einfach wieder auf und sagt: Hey, wir sind noch da!“, sagt Steckermeier. „Dieser Befund hat mich richtig glücklich gemacht.“
Nach Vorträgen haben ihr Menschen berichtet, dass sie genau das erlebt haben: Ein erkrankter Partner brachte alte Freundschaften wieder zum Vorschein. Beziehungen, die dann später halfen, auch durch Verlust und Trauer zu kommen.
„Freundschaft ist kein Vertrag. Aber genau darin liegt ihre Stärke“, findet Steckermeier. „Weil sie nicht formalisiert ist, kann sie auch nach Jahren wieder aufleben. Freundschaften schwanken, kühlen ab und finden doch wieder zusammen. Wie ein unsichtbares Netz, das bleibt.“
Mehr Daten, bitte
Trotz vieler Studien gibt es noch große Lücken in der Forschung. Besonders über Freundschaften im Erwachsenenalter fehlen langfristige Daten. Wie sich Erwartungen im Laufe des Lebens verändern oder welche Rolle wirtschaftliche Krisen spielen, lässt sich bisher nur teilweise beantworten.
Für Leonie Steckermeier ist das ein Antrieb, weiterzumachen. Was sie sich wünscht: dass Freundschaft früher zum Thema wird. In der Schule zum Beispiel. „Weil es natürlich auch Aspekte an Freundschaften gibt, die sich negativ auswirken. Wenn man von einem Freund erwartet, dass er immer perfekt ist, dann führt das zu Konflikten.“ Mit ihren Vorträgen versucht sie, dieses Wissen weiterzugeben.
Gegen Einsamkeit rät Steckermeier, möglichst viel Zeit mit anderen zu verbringen. „Laut einer Studie der University of Kansas braucht es etwa 50 Stunden gemeinsam verbrachter Zeit, bis eine lockere Freundschaft entsteht, rund 90 Stunden für eine echte und ungefähr 200 Stunden für eine enge Freundschaft“, sagt Steckermeier. „Das klingt lustig, aber da ist schon etwas dran.“ Zudem sei es wichtig, bestehende Angebote zu nutzen, um mit anderen in Kontakt zu kommen.
„Freundschaften entstehen nicht nebenbei. Sie wachsen langsam, Stunde für Stunde, durch gemeinsame Erlebnisse, Erfahrungen und gegenseitige Unterstützung“, sagt Steckermeier. Am Ende sind es genau diese gemeinsam verbrachten Stunden, aus denen etwas entsteht, das viele Menschen durchs Leben trägt. Wie ein unsichtbares Netz.
Du willst tiefer ins Thema einsteigen?
Hier sind Tipps für weiterführende Literatur:
Steckermeier, L. C., & Hess, S. (2025). Stereotypically satisfied: The gendered well-being contributions of job and family satisfaction. [Preprint]
Steckermeier, L. C. (2021). The value of autonomy for the good life. An empirical investigation of autonomy and life satisfaction in Europe. Social Indicators Research, 154(2), 693-723.
Schneickert, C., Delhey, J., & Steckermeier, L. C. (2019). Eine Krise der sozialen Anerkennung? Ergebnisse einer Bevölkerungsbefragung zu Alltagserfahrungen der Wert-und Geringschätzung in Deutschland. KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 71(4), 593-622
faz.net. Wann fühlen sich Menschen wertgeschätzt? (Beitrag vom 13.04.2020)
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